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Artikel für die Zeitschrift Vita: Erkenne das Gute

Der eben begonnene Frühling ist für mich ein Ausdruck der Lebendigkeit und der Kraft, die uns die Natur mit ihren üppig sprießenden Pflanzen vermitteln möchte. Besonders in den letzten Monaten habe ich gerne Spaziergänge gemacht, um mich an der wieder aufkeimenden Natur zu erfreuen. Die Tage werden wieder länger, die Sonne scheint häufiger, und mein Körper verspürt alleine darum wieder eine größere Lebenslust. Ich könnte auch sagen, es ist ein Glück, das Wiedererwachen der Natur wieder einmal erleben zu dürfen.

 

Lebenslust ist darum vielleicht am besten mit dem Begriff Glück zu umschreiben. Sicherlich hat jeder von uns andere Vorlieben und Freuden, die ihn besonders glücklich machen. Für mich persönlich sind es besonders meine Kinder, die ich aufwachsen sehe, und viele liebe Menschen um mich herum habe, zu denen ich gute Kontakte pflege. Ich bin glücklich, wenn ich meine erfüllende Tätigkeit als Autor und Seminarleiter ausüben darf. Nehmen wir doch einfach einmal die Arbeit als Beispiel, um das Geheimnis zu mehr Lebenslust entschlüsseln zu können.

 

Viele Menschen sind ja mit ihrer Tätigkeit nicht so wirklich glücklich. Ein junger Mann schrieb mir, und beschwerte sich bitterlich über seinen schlechten Job. Alles sei doof: sein Chef wäre zu streng, die Kunden schlecht gelaunt, die Kollegen schwierig, und die Bezahlung sei viel zu gering. Er wünschte sich eine bessere Arbeit, in jeder Hinsicht. Was könne er tun?

 

In meiner Antwort wählte ich als Beispiel einen jungen Keimling, der sich eben ergrünt der Sonne entgegen streckt. Solch ein Keimling ist so voller Kraft und Begeisterung, dass er aus purer Lebenslust wächst und seine Blätter entwickelt. Um das zu werden, als das er auf diese Welt gekommen ist: eine ausgewachsene Pflanze.

 

Was wäre aber mit diesem Keimling, wenn er dauernd nur ein Haar in der Suppe findet? Da liegt ein Stein im Boden, der seine Wurzel  behindert. Dort steht ein Baum, der Schatten wirft, so dass die Sonne ihn manchmal nicht erreicht. Dann hat es tagelang nicht geregnet, und ihm fehlt Wasser. Wie soll der Keimling also wachsen, unter solch schlechten Voraussetzungen?

 

Die Wahrheit ist, und wir kennen sie bereits, der Keimling wächst trotzdem. Er lenkt seine Wurzel einfach um den Stein herum, und bekommt sogar noch wertvolle Mineralien aus ihm. Den Baum erlebt er vielleicht sogar als Schutz vor zu viel praller Sonne, die ihn sonst austrocknen würde. Und den fehlenden Regen gleicht er dadurch aus, dass er seine Wurzeln tiefer in die Erde zum Grundwasser führt.

 

Die Natur macht es uns vor. Das Gute, es ist immer da. Wir haben in unserem Anspruchsdenken nur verlernt, es zu sehen. Der Chef ist streng – vielleicht will er mich aber nur ermuntern, besser in meinem Job zu werden, und meint es eigentlich gut, so wie der Baum, der Schatten spendet. Die Kollegen sind schwierig – ich kann trotzdem aus ihrem Vorbild lernen, und ziehe auch hier meinen Nutzen daraus, so wie der Keimling Mineralien aus dem Stein. Und meine geringe Bezahlung gleicht sicherlich dem mangelnden Regen, der mich ermuntert, mich weiter zu entwickeln, und vielleicht eine Weiterbildung zu besuchen, die mir später einen besseren Job ermöglicht.

 

Francis Bacon hat dazu den Satz geprägt: „Nicht die Glücklichen sind dankbar, es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ In meiner Deutung ist der Keimling einfach dankbar, für das, was da ist, in jedem Moment. Und das allein schenkt ihm schon seine Kraft, die im Grunde aus seiner Lebensfreude und seinem Glück entspringt. Glück ist manchmal nur eine Entscheidung. Oder besteht einfach in der Fähigkeit, das eigene Glück endlich einmal zu erkennen.

 

In diesem Sinne habe ich auch dem jungen Mann geantwortet. Auch, wenn manches in seinem Job nicht perfekt erscheint, der Trick besteht darin, das Gute zu erkennen, das immer da ist. Und dafür dankbar zu sein. Die Dankbarkeit ist dann der Schlüssel, um die Tür zum eigenen Glück zu öffnen. So wie der Keimling voller Freude wächst und gedeiht, so schenkt uns auch das Universum immer mehr des Guten, je mehr wir selbst innerlich dankbar und auf das Gute eingestimmt sind. Das ist schon der eigentliche Hintergrund bei den Bestellungen beim Universum. Denn, einmal anders herum betrachtet: wie soll denn aus schlechten, undankbaren Gedanken Glück und etwas für mich Gutes erwachsen? Das Gute, es kommt zuerst einmal aus uns selbst. Das kann im einfachsten Fall die Kultivierung von Dankbarkeit sein.

 

Wir werden in unserem Leben andauernd immer wieder aufs Neue beschenkt. Goethe hat einmal gesagt, auch aus den Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Schönes bauen. Ich kann diese Steine dankbar annehmen, oder wütend mit dem Fuß zur Seite kicken. So wie ich das Glas, das mit halbleer erscheint, austrinken kann, oder aber mein Leben lang darauf warten, dass es endlich voll wird. Es ist meine Entscheidung. Es ist meine Einstellung, dem Leben gegenüber, die den Ausschlag gibt: Erlebe ich mein Leben als Lebenslust- oder als Lebensfrust? Das schlichte, kleine Wort Danke kann dabei den entscheidenden Ausschlag geben.

Manfred Mohr für das Magazin Vita, Ausgabe 28