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Schenkkreise: Es gibt mehr zu verlieren als nur 5000,- Euro

Neu in 2009: Ein Buch zum Thema Schenkkreise von Bernd Hettlage
http://www.derschenkkreis.de/

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Angekündigt werden viele dieser Kreise als Kreis des gegenseitigen Beschenkens, in dem es darum geht, zu geben und sich zu freuen, wenn dadurch jemand Fülle erleben darf, wie vielleicht zuvor noch nie im Leben. Es geht darum, sich mit demjenigen zu freuen.

Grob gesagt, schenkt jeder, der beitritt, 5000,- ¤ und der Beschenkte erhält von 8 Schenkern ingesamt 40.000,- ¤. Dann rücken neue Leute nach und neue Beschenkte erhalten von anderen 8 Schenkern Geld. Im Schenkkreis trifft man sich regelmäßig und jeder kennt jeden, so dass man am Schluss auch weiß, wem man sein Geld schenkt.

DAS an sich ist ja alles, oder sagen wir lieber wäre, ganz prima. Alle, die es sich leisten können, verschenken 5000,- ¤, ohne die Erwartung, je selbst die angekündigten 40.000,- ¤ geschenkt zu bekommen. Und Leute mit relativ wenig Geld sehen sich einem plötzlichen Geldsegen gegenüber und machen die Erfahrung von Fülle (ganz Arme können ja von vorne herein bei dem System nicht mitmachen, außer einer schenkt ihnen den ersten Beitrag).

Gelegentlich in den letzten 1- 2 Jahren erhielt ich Anrufe, Mails, Faxe und Briefe von Leuten, die mich einmalig in einen solchen Schenkkreis einluden und mich sofort in Ruhe ließen, wenn ich kein Interesse zeigte. Vielen Dank an diejenigen für ihre respektvolles Benehmen im Nachhinein !

Sehr häufig jedoch wurde ich bedrängt, belabert, in Grund und Boden geschwätzt und aufdringlich zigmal belästigt, ich solle doch mitmachen. Es wurde mir zum Teil sogar regelrecht als moralische Pflicht vorgehalten, mitzumachen. Diejenigen erhofften sich, dass bei meinem großen Bekanntenkreis viele Schenker für ihren Schenkkreis mit abfallen würden.
Das alleine zeigt, dass was faul ist an der Sache und dass es da einigen eben keinesfalls hauptsächlich um das Geben und die Erfahrung des Mit-dem-Anderen-Mitfreuens geht. Sondern, und das habe ich auch mehrfach überdeutlich miterlebt, es steht die Hoffnung auf die 40.000.,- ¤ im Vordergrund. Einige Leute kratzen nach wie vor ihre letzten Spargroschen zusammen, leihen sich das Geld oder nehmen bei der Bank Kredite auf, nur um mitmachen zu können. Ja, und dann rücken nicht genügend Leute nach und der Schenkkreis verläuft sich und die Katastrophe ist groß. Totales Entsetzen. Unter großen Mühen wurde der eigene Anteil geleistet und nichts ist zurückgekommen.

Selber Schuld ? Na klar, selber Schuld. Aber ich möchte dennoch nicht jemand sein, der 40.000,- ¤ von Leuten erhält, von denen sich einige verzweifelt an diese letzte Hoffnung klammern, dass bald sie auf Platz eins vorrücken und die 40.000,- ¤ erhalten. Ich halte das für eine sehr ungute Energie, denn die Meisten werden zwangsläufig leer ausgehen (siehe das Rechenbeispiel unten in den Auszügen aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung,).

Klar, auch ich habe in jüngeren Jahren schon bei Kettenbriefen (bei denen man nette Postkarten von 1000 Leuten erhalten sollte, die ersten Schneeballsystem waren ja alle noch ohne Geldeinsatz) mitgemacht und einmal auch bei einem mit einem Einsatz von 50,- DM. DAS sind noch Investitionen, bei denen sich niemand mit seinem gesamten Privatvermögen aus dem Fenster hängt oder sich verschuldet. Wobei ich heute selbst da nicht mehr mitmachen wollen würde und nicht nur, weil eh selten was zurückkommt. Ich würde allenfalls mitmachen wollen, wenn ich überzeugt wäre, dass wirklich alle wissen, was sie tun und WIRKLICH gerne geben, auch wenn nie was zurückkommt. Und das ist einfach nicht der Fall nach dem, was ich hier seit vielen, vielen Monaten an aufdringlichen und teils panisch wirkenden Drängelmails erhalte (nach dem Motto: „Oh Schreck, oh Schreck, mein Schenkkreis wird doch nicht zugrunde gehen, kurz bevor ich dran bin. Ich MUSS wen finden…“).

Und so bevorzuge ich es nach wie vor, die 10 Prozent meines Einkommens, die ich jedes Jahr verschenke oder spende, an Leute und Organisationen zu spenden, die ich mir selbst aussuche und bei denen es klar ist, dass es ein Geschenk ist und ich niemanden in etwas mit hineinziehe, was er nachher jahrelang bereut, wenn es nicht so klappt, wie derjenige sich das gedacht hat.

Schön wäre es ja, wenn es wirklich nur ums Schenken und Mitfreuen und um den Austausch ginge. Und auch diese Art der Schenkkreise existiert offenbar ganz vereinzeit (siehe weiter unten). Seltsam nur, dass immer wieder Leute hinterher zum Anwalt rennen, weil sie ihren Einsatz nicht herausbekommen haben und seltsam auch wie die vielen Austauschforen im Internet zustande kommen, bei denen Frustrierte sich beklagen, dass man sie betrogen hätte. War wohl nichts mit der Freude am Geben …

Und noch größer der Katzenjammer, wenn einer seinen gesamten Freundeskreis überredet hat, mitzumachen und dann womöglich der beste Freund oder die besten Freunde leer ausgegangen sind. Da ist schon so manche jahrelange Freundschaft zerbrochen. Auch solche Jammergeschichten sind schon in meiner Mailbox eingegangen**. Das sind Verluste, die sicherlich noch größer sind als nur der materielle Schaden, wenn man eins der „übrigen“ Mitglieder in einem Schenkkreis war, die nicht mehr auf Platz 1 vorrücken konnten.


Wie sehen "echte" Schenkkreise aus ?

Ein Freund von mir, der jahrelang die üblichen Schenkkreise bestreikte, ist vor einiger Zeit in einem gelandet, in dem die Dinge offenbar auf einem hohen Bewusstseinsniveau und – zumindest teilweise – anders laufen. Um nur kurz einige Punkte zu nennen: Er hörte sich bei einem Treffen einen Vortrag an und fand das Ganze gut. Hatte aber kein Geld, um mit einzusteigen. Die Dame neben ihm schenkte ihm daraufhin das Geld für den Ersteinstieg ! Hoppala, da ist was anders.
Eine weitere Frau war im Kreis, bei der das Haus gerade vom Gerichtsvollzieher gepfändet werden sollte. Eine andere Frau, die am selben Tag beschenkt werden sollte, mit 80.000,- € (sie war in zwei Durchgängen gleichzeitig), trat ihre Geschenke ab an die andere Frau und die konnte ihr Haus retten ! Nochmal hoppala, ganz anders als das, was ich bisher an penetranter Geldgier mitbekommen habe.
Eine weitere Frau macht im Schenkkreis mit, um das Geld, das sie dort bekommt – falls sie es denn bekommt – für Grundstücke in Brasilien zu verwenden (sie ist Brasilianerin) und das Land danach den Indianern zurückzuschenken. Dreimal hoppala.

Dieser Schenkkreis zeichnet sich offenbar dadurch aus, dass die Leute das Geld nicht vorwiegend für sich haben wollen, sondern um es in sinnvolle soziale Projekte einfließen zu lassen. Und man ist sich angeblich (ich war selbst nicht da) dort dessen bewusst, dass jeder Schenkkreis irgendwann einmal ins Stocken gerät und dann eben viele Leute leer ausgehen. Ist aber egal, denn das Geld, das man gegeben hat, ist ja meist schon in ein sinnvolles Projekt geflossen und das war der ganze Sinn der Übung.
Es soll auch niemand dort bedrängt oder in Grund und Boden gelabert werden, dass er doch mitmachen solle. Wenn man zu einem Kreis dazustößt, kann man sich die Sache ja überlegen, aber selbst so ein Kreis ist dem ständigen Wandel unterworfen, da ständig neue Leute dazukommen. Naiv sollte man die Sache daher trotzdem nicht betrachten, sondern sehr genau aufs eigene Gefühl achten.

PS: Ein zweiter Kreis auf diesem hohen Niveau in Hamburg ist inzwischen trotzdem schon zum Erliegen gekommen, aber angeblich ist das für alle Beteiligten OK und sie freuen sich an den neuen Kontakten. DAS ist ein Bewusstsein, bei dem die meisten Schenkkreise wohl leider nicht mithalten können.
Ich selbst habe trotz aller Pro-Argumente und erfreulicher Vorkommnisse in diesen beiden Kreisen das Gefühl, meine 10% Spenden pro Jahr trotzdem lieber weiterhin Kinderdörfern und Co. geben zu sollen. So ein leichtes Alarmgefühl bleibt mir auch bei den schönsten Berichten und ich denke, dass man doch zum Teil Leute in den Kreis zieht, die dringend auf die Auszahlung hoffen und / oder die es sich eigentlich nicht leisten können und das stimmt für mich nach wie vor nicht so ganz.



Bärbel Mohr


**PS für Universumsbesteller:
Da gehen dann so Mails ein wie „Hilfe, meine Freundin hat mich überredet, im Schenkkreis mitzumachen und jetzt habe ich all mein Geld verloren. Sie weigert sich aber, mich zu entschädigen, dabei habe ich nur ihretwegen mein Geld verloren. Ich bestelle hiermit, dass sie mir das verlorene Geld zurückgibt …“ Kann man natürlich vergessen. Freien Willen wegbestellen von anderen geht nicht. Wenn die nicht will, dann will sie nicht.

Genauso wenig kann man bestellen: „Liebes Universum, bitte mach, dass sich noch acht Dumme nach mir finden, die meine 40.000,- ¤ bringen.“ Solche unseriösen Bestellungen muss man alleine angehen, da hilft die Alleinheit sicher nicht mit.

Falls einer meint, er bestellt ganz schlau: „Liebe Universum, mach, dass für mich noch 8 Leute gefunden werden und für die 8 dann auch 8 (macht schon 64) und für die dann auch und dass überhaupt immer alle im Schenkkreis ihre 40.000,- ¤ bekommen…“
Geht auch nicht, weil das grundsätzlich unmöglich ist. Man braucht immer 8x so viele Schenker wie Beschenkte. Das Argument, die Beschenkten von Platz 1 könnten ja noch mal 5000,- ¤ anlegen, vertagt das Problem vom Ende der Kette nur ein wenig, aber löst es nicht auf.

Was könnten wir stattdessen bestellen ?
„Liebes Universum, ich bestelle mir hiermit, dass meine innere Stimme mich warnt, wenn etwas nicht gut für mich ist oder mir Bescheid sagt, wenn es stimmig und richtig ist.“
„Liebes Universum, ich bestelle das, was ich eigentlich machen oder erreichen möchte (also nicht das Geld, sondern das, was ich damit machen will) und übe mich darin, in Kontakt mit meinem inneren Licht zu sein, damit ich die Gelegenheiten auch erkenne, die für mich bestimmt sind.“

Eine letzte Frage:
Schneeballsysteme werden seit Jahrzehnten in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Müsste es nicht allmählich jeder kapiert haben, dass die Letzten immer die Hunde beißen und ist man dann nicht jemand, der diese Erfahrung offenbar noch braucht, wenn man trotzdem immer noch mit macht ? Kann ich dann nicht auch die 40.000,- ¤ einstecken und mir denken, die nach mir haben Pech gehabt, falls bei ihnen schon nicht mehr genug zusammenkommen ?

Antwort: Diese Frage muss jeder mit sich selbst ausmachen, ob man von unerfüllten Hoffnung anderer leben will. Und ob man wirklich seine ganzen Freunde und Verwandten mit reinziehen will ?! Eine Zeit lang finden Feiern von glücklich Beschenkten statt und die euphorische Stimmung in vielen der Kreisen ist Teil des Systems und gehört bei vielen wohlkalkuliert nur zur geistigen Benebelung dazu. Aber irgendwann kommt bei allen Kreisen der Umkehrpunkt und dann gibt es mehr zu verlieren als nur das Geld. Es gibt immer 87% Verlierer !
Außer man hat seinen Einsatz als echte Spende betrachtet und hat lauter Leute im selben Bewusstsein getroffen und neu kennengelernt. Dann ist dies ein Kreis von Gewinnern, von denen einige Geld und andere zwischenmenschliche Werte gewonnen haben.

Wem der Artikel zu denken gibt, wer mehr und Genaueres wissen will, z.B. wie und welche Stimmung warum bei den Treffen entsteht, wie die Gutgläubigkeit vieler Veranstalter ausgenutzt wird, was sie dabei übersehen und wer Erfahrungsberichte von Aussteigern aus Schenkkreisen lesen möchte, der gucke z.B. unter:
http://www.mlm-beobachter.de/mlm/schenkkreise.htm
http://bronski.net/2003/10/18/163936.php


Auszüge aus einem Artikel aus der Süddeutschen vom 29./30.11.2003
www.suedeutsche.de
Suchstichwort im Archiv: „schönen Verheißung“ (wichtig – nicht „schöne“ sondern „schönen“, sonst findet Suchmaschine den Artikel nicht)
Oder http://www.sueddeutsche.de/sz/panorama/red-artikel2362/

Titel des Artikels: Der Preis einer schönen Verheißung
Wieder macht ein Spiel nach dem Schneeballsystem die Runde, bei dem viele zahlen und wenige gewinnen – die Herzkreise Von Cathrin Kahlweit

Auszüge aus dem Text:
Das Bundeskriminalamt und deutsche Verbraucherschutzzentralen warnen vor dem "Feld der Fülle" (Werbetext der "Herz- und Schenkkreise“).

"Leute nehmen Kredite auf oder plündern ihre Sparschweine und stehen am Ende ohne einen Pfennig da. Freundschaften gehen kaputt, Cliquen zerstreiten sich, weil eine was kriegt und die, die hinten runterfallen, leer ausgehen."

Mathematisch ist die Rechnung simpel: Weil sich jeder Schenkkreis wieder teilt, müssen für jede Person, die auf Platz acht der Pyramide einzahlt, 127 neue Mitspieler gefunden werden, damit sich das System nicht umgehend totläuft; 87,5 Prozent aller Teilnehmer gehen im Durchschnitt leer aus, hat Wolfram Gagern ausgerechnet, Jurist und Betreiber der Webseite "Geldspiele-Beobachter".

In Köln will nun der Rechtsanwalt Erik Millgramm, der nach eigenem Bekunden "mehr als hundert geschädigte Klientinnen" vertritt, in einem Pilotprozess Anfang Januar einer ersten Mandantin ihr Geld wiederbeschaffen. "Die Veranstalter behaupten, die Sache sei nicht sittenwidrig, weil die Schenkungen aus freiem Willen geschähen", so Millgramm. "Aber der Kausalzusammenhang zwischen den Schenkungsverträgen und der Gewinnerwartung ist eindeutig."

Zur Aquisition im Freundeskreis hatte zuvor das Oberlandesgericht Celle geurteilt, diese führten zu einer "nicht wünschenswerten Kommerzialisierung der Privatsphäre, die den Sittenwidrigkeitsvorwurf rechtfertigt".

PS 2004: Inzwischen gibt es auch eine betrügerische Variante der Schenkkreise. Bei diesen landet immer nur der Veranstalter selbst mit seinen engsten Freunden auf dem Platz der zu Beschenkenden. Nachrücken von Fremden findet nicht statt. Und kurz bevor es einer merkt, hauen sie einfach ab und die nächste Stadt.