Hallo Martina,
martina hat geschrieben:
Lügen ist ein umfangreiches Thema, keine Frage, deswegen habe ich es ja hier reingesetzt, um es von verschieden Seiten zu beleuchten, damit wir der Erleuchtung noch ein paar Lämpchen hinzufügen können.

Oh, wie recht Du hast!
Ich glaube, es vergeht kaum ein Tag, der an dem Thema Wahrheit / Lüge vorbeikommt, ohne dass jemand (z.B. ich gerade

) ein Statement dazu macht...
martina hat geschrieben:
Ich habe grad gelesen, dass der Mensch 200 mal am Tag lügt.
In der GEO Kompakt Nr. 25 stand auch, dass manche Forscher vermuten dass ein Mensch etwa 200 mal am Tag lügen würde, wobei das dann heißen würde, dass man im Schnitt pro Stunde 12,5 mal lügen würde (wenn man 16 Std. wach ist)... das scheint mir doch ein bißchen viel zu sein...
... übrigens gabs zu diesem Thema schon einmal eine Umfrage unter der Überschrift:
"Lügen - Die Wahrheit als Pflicht?" (
http://www.baerbelmohr.de/forum/offtopic-f5/luegen-die-wahrheit-als-pflicht--t6565.html)
Da ich Geschichten sehr mag, möchte ich gerne zu diesem Thema eine Geschichte von Anthony De Mello beitragen, die ich das erstemal in Jorge Bucays Buch "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte" entdeckt hatte.
Die Geschichte heißt "
Der Wahrheitsladen"
Zitat:
Der Wahrheitsladen
Ein Mann durchstreifte die kleinen Gassen der Provinzstadt. Er hatte keine Eile, und deshalb verweilte er einen Moment vor jedem Schaufenster, vor jedem Laden, auf jedem Platz. Als er um die Ecke bog, befand er sich plötzlich vor einem bescheidenen Ladenlokal mit weißer Markise. Interessiert wandte er sich dem Schaufenster zu, näherte sich der Fensterschaibe, um durch das dunkle Glas zu blicken. Drinnen sah er nichts als einen Notenständer, und darauf eine kleine handgeschriebene Karte, auf der stand: Wahrheitsladen
Der Mann war überrascht. Er hielt es für einen Phantasienamen, konnte sich aber nicht vorstellen, was man dort verkaufte.
Er betrat den Laden, ging auf das Fräulein zu, das sich hinter dem ersten Verkaufstisch befand, und fragte: "Entschuldigen Sie, ist das der Wahrheitsladen?"
"Ja, mein Herr. Welche Art Wahrheit suchen Sie? Die halbe Wahrheit, die relative Wahrheit, die statistische Wahrheit oder die ganze Wahrheit?"
Hier wurde also mit der Wahrheit gehandelt. Er hätte sich nie träumen lassen, daß das möglich wäre. Irgendwo hinzugehen und die Wahrheit einzukaufen war wunderbar.
"Die ganze Wahrheit", antwortete der Mann ohne Zögern.
'Ich bin all die Lügen und Falschheiten leid', dachte er. 'Ich habe die Verallgemeinerungen und Rechtfertigungen satt, die Täuschungen und den Betrug.'
"Die reine Wahrheit", bekräftigte er.
"Sehr wohl, mein Herr. Wenn Sie mir bitte folgen wollen."
Das Fräulein führte den Kunden in einen anderen Bereich, verwies ihn an einen Verkäufer mit mürrischer Miene und sagte: "Der Herr wird Sie bedienen."
Der Verkäufer trat auf ihn zu und wartete darauf, daß der Kunde seinen Wunsch äußerte.
"ich möchte die ganze Wahrheit kaufen."
"Aha. Verzeihen Sie, mein Herr, aber kennen Sie den Preis?"
"Nein, wie teuer ist sie?", fragte er gewohnheitsmäßig, obwohl er bereits wußte, daß er jedweden Preis für die ganze Wahrheit zahlen würde.
"Wenn Sie sie gleich mitnehmen", sagte der Verkäufer, "ist der Preis, daß sie nie wieder in Frieden leben werden."
Ein Schauer lief dem Mann über den Rücken. Nie hätte er gedacht, daß der Preis so hoch sein könnte.
"Vie... Vielen Dank... Entschuldigen Sie... ", stotterte er.
Er machte kehrt und verließ das Geschäft mit gesenktem Blick.
Er war ein bißchen traurig, als ihm bewußt wurde, daß er immer noch nicht bereit war für die absolute Wahrheit, daß er immer noch ein paar Lügen brauchte, bei denen er sich erholen konnte, ein paar Mythen und Schönfärbereien, in die er sich flüchten konnte, ein paar Ausreden, um sich nicht mit sich selbst konfrontieren zu müssen...
'Vielleicht ein andermal', dachte er.
Aus: Jorge Bucay; Komm, ich erzähl dir eine Geschichte; 2005; S. 255-257
Ach ja, ich habe habe mich dafür entschieden, keine der angebotenen Antworten zu wählen - aber danke, Martina, für den Thread, denn solche Fragen finde ich immer wieder hilfreich, um darüber nachzudenken, wo ich gerade stehe.
Liebe Grüße,
Perceval